Die Geschichten eines paraguayischen, herrenlosen Streuners – der Kater Uli

 

Im Januar 1985 zog ich mit meiner Familie von Argentinien nach Asunción del Paraguay in ein sehr schönes Haus mit einem riesigen Garten und einem Schwimmbecken. Für paraguayische Verhältnisse war das Haus kein Luxus, denn es war dort fürchterlich heiß und feucht. Der Sommer ging von Oktober bis Ende Mai und es waren täglich fast immer ca 40° im Schatten und 80 – 100% Luftfeuchtigkeit. Die gewaschene Wäsche, die morgens aufgehängt wurde, war abends oft nicht trocken und ein feucht gewischter Boden trocknete an einigen sehr feuchten Tagen im Laufe des Tages ebenfalls nicht. Nachts kühlte es auf gerade mal 33° ab und es blieb fürchterlich feucht und windstill, denn Paraguay liegt im Innenland und Asuncion liegt auch noch in einer Mulde.

Der Winter konnte manchmal sehr schön dort sein, wenn man mal die Regenperiode von einem Monat, in der es fast durchgehend regnete, herausnimmt. Die tropische Vegetation, die wir bei uns in Deutschland oft in unsere Wohnzimmer reinholen, blühte und duftete. Sehr schön dufteten die vielen Zitrusbäume im August und September, die dort wild auf jedem leerstehenden Grundstück wuchsen, und auch in den Gärten sehr oft vorkamen. Dann duftete alles nach Zitrone/Orange. Herrlich. Aber auch im Winter konnte das Thermometer manchmal 27° erreichen, und wenn es mal wirklich kalt war, waren es vielleicht 14°. Dann froren die Paraguayer, die meist in Hütten wohnten und keine Heizung hatten. Sie zogen sich ganz warm an und legten noch eine Decke um den Körper, aber sie liefen trotzdem barfuß.

Im allgemein spielte sich das Leben also draußen ab. Daher waren der große Garten und das Schwimmbecken eher eine Notwendigkeit und kein Luxus. Das hielt man dort sonst nicht aus.

Gleich die erste Nacht, die wir dort verbrachten, raubte uns ein lautes Katzenkonzert auf dem Dach den Schlaf. Dagegen ist man hilflos. Dort gab es in großen Massen herrenlose Katzen und Hunde, die sich von Abfällen ernährten und grausam aussahen. Schwer anzugucken. Katzen konnten noch ab und zu mal eine Maus oder einen Vogel fangen, aber die Hunde verelendeten und verreckten langsam.

Und gleich am ersten Tag in Asunción sah ich im Rasen mehrere große Löcher von ca. 8 cm Durchmesser. Das sah wie nach Mäusen oder Ratten aus. Der Größe nach tippe ich auf Ratten. Ich machte die Löcher zu und am nächsten Tag waren nur einige Zentimeter entfernt neue Löcher. Da wurde mir klar: In dem Garten waren wir nicht allein! Und solche Mitbewohner lassen sich nicht so leicht verjagen. Also: Eine Katze muss her!

Am nächsten Abend legte ich unsere Hähnchenreste (damals aß ich noch Fleisch) auf die Veranda und am nächsten Morgen waren sie einschl. den Knochen weg. Ich wusste gar nicht, wer sich das geholt hatte. Danach legte ich abends Fleisch auf die Veranda (in Paraguay gab es kein Tierfutter; die armen Leute ernährten ihre Tiere mit Abfällen, und wenn es mal keine gab, bekamen die Tiere nichts zu essen). Am nächsten Morgen war das Fleisch restlos verschwunden, ohne dass ich jemanden gesehen hatte.

Das ging so ca. 10 Tage. Als ich dann abends das Futter auf die Veranda legen wollte, wartete auf dem Mango-Baum ein gelb-roter Kater mit einem weißen Bauch und einem weißen Hals schon auf das Futter. Er war auffällig groß und eindeutig ein männliches Tier. Er war fürchterlich scheu. Wenn ich an den Baum ging, rannte er weg. Ich konnte mich keine 10 Meter nähern.

Einige Tage später wartete er nicht mehr auf dem Mango-Baum, sondern er war etwas näher, hinter einem Mauervorsprung der Veranda. Er wartete, bis niemand mehr im Garten war. Erst dann kam er hervor und holte sich sein Futter.

Eine gute Woche später bettelte er schon vor der Küchentür. Er hatte beobachtet, aus welcher Verandatür sein Futter kam. Trotzdem ließ er niemanden in seine Nähe.

Und einige Zeit später kam er schon in die Küche rein. Dort ließ er sich auch zum ersten Mal von meinem Sohn streicheln und er schnurrte dabei. Erst in der Küche konnte ich ihn richtig sehen. Er hatte struppiges und hartes Fell, wie ein Streuner. Ohne Zweifel war es aber ein sehr großer Kater und wir nannten ihn Uli.

Danach fürchtete Uli uns überhaupt nicht mehr. Nur vor Männern nahm er sich etwas in Acht. Und wenn er dunkle Gesichter sah, wie z.B. unsere Hausangestellte oder einen Handwerker, dann rannte er panikartig davon. Uli hatte Vorurteile. Bei uns heißt es, wir müssen Vorurteile abbauen. Die Vorurteile sind aber ein wichtiges Warnsignal, die das Tier vor einem Schaden bewahren können. Sehr viel später erzählten mir die Nachbarn, was dem Uli widerfahren ist. Diese Geschichte will ich euch ersparen. Nur soviel: Er gehörte einem psychopatischen Kind, das gleich bei uns nebenan lebte. Das war Ulis Kindheit. Den restlichen Streunern auf den Dächern erging es wohl ähnlich. Meist sind Katzen mit einer Kindheit voll Gewalt und Not kratzbürstig und unberechenbar. Das war der Uli gar nicht. Er war verschmust und streckte die Krallen nicht so raus. Ich hatte damals zwei kleine Kinder und ich hatte damit nie Probleme.

Es dauerte noch gut ein Monat, und der Uli bekam ein schönes, weiches Fell. Er sah aus, wie eine deutsche Hauskatze, ist noch ein ganzes Stück gewachsen und wog mit Sicherheit 2 – 3 Kg mehr als am Anfang. Das hat alles mit der artgerechten Ernährung zu tun. Er aß nur Fleisch. Er spielte viel und ich meine, der muss noch sehr jung gewesen sein. Vielleicht ein Jahr alt. Auch gegen die Flöhe unternahm ich etwas und ich ließ ihn impfen und entwurmen. Das ist bei paraguayischen Katzen sinnvoll, denn sie befassen sich mit Mäusen, Ratten und auch Kakerlaken (wenn sie nichts anderes finden) und sind Krankheitsüberträger. Es gab viel Tollwut in Paraguay und die Verwurmung bleibt dort weder bei Mensch noch bei Tieren aus klimatischen Gründen aus.

Und langsam begann Uli sich zu bewähren: Ich machte die Löcher im Rasen zu und die Nagetiere kamen auch nicht wieder. Dabei hatte ich nichts dagegen unternommen. Die haben wohl nur einen Schreck bekommen und das reichte. Auch von den großen Kakerlaken mit einem Durchmesser von ca. 3 cm haben wir nicht mehr viel gehört, denn Uli jagte sie. Er hielt sich gerne im Garten und auf der Nachbarmauer auf (in Paraguay sind alle besseren Häuser mit hohen Mauern umgeben; rundherum sind meist Hütten. Die Leute werfen dort mit Vorliebe ihren Müll in ihre Gärten, obwohl 2 x die Woche die Müllabfuhr kommt, und lassen die Hühner dort picken und die Hunde und Katzen dort etwas essen).

Auch auf den Dächern wurde es nachts ruhiger. Uli betrachtete unser Dach als „sein Revier“ und inspizierte es regelmäßig. Er schlief mit Vorliebe bei uns in den Betten und zwar hatte er entdeckt, dass es dort schön kühl sein konnte. Wir hatten nämlich in allen Schlafzimmern über den Betten große Deckenventilatoren. Die brauchte man in Paraguay auch, denn sonst konnte man vor Hitze nicht schlafen.  Dabei legte Uli sich auf den Rücken mit allen vieren nach oben und ließ sich den Wind über dem weißen Bauch wehen. Dabei schnurrte er laut.

Aber nicht alles war friede-freude-Eierkuchen mit dem Uli. Er hatte nie gelernt, sauber zu sein und pinkelte gelegentlich ins Haus; mit Vorliebe auf die Badezimmervorleger. Welch ein Glück, dass wir überall Fliesenboden hatten! Er begriff mit der Zeit zwar, dass er ausschließlich draußen unter den Büschen sein Klo hatte, aber so richtig sauber wurde er nicht. Außerdem trieb er sich immernoch auf den Dächern herum und kam ganz zerkratzt wieder. Manchmal war er auch verliebt und blieb zwei bis drei Tage weg. Er kam nicht einmal zum Essen. Wenn er zurückkam, war er zerkratzt und nicht selten auch vollgepinkelt. Kater pinkeln sich nämlich manchmal gegenseitig an. Dann stank er und ich musste ihn draußen in einem Eimer baden, denn ich konnte ihn ja so nicht ins Haus lassen. Er legte sich ja aufs Sofa und auf die Betten! Das Bad im Eimer gefiel dem Uli garnicht und er miaute laut und verzweifelt. Er musste aber da durch. Bei der Gelegenheit konnte man ihn auch gut entflohen.

Und dann entschieden wir uns, ihn zu kastrieren. Danach ging das auch gut mit seiner Sauberkeit. Er ging zwar immernoch auf die Dächer, aber nicht um sich zu prügeln, sondern um zu wachen. Er blieb auch nicht mehr tagelang weg und er wurde noch ein ganzes Stück größer und bekam dicke, starke Pfoten. Er sah aus wie ein kleiner Luchs. Eine Hausangestellte meinte einmal, den Uli hätten wir aus Deutschland mitgebracht, denn in Paraguay gäbe es nicht so große Katzen.

Nach einigen Monaten schafften wir uns noch einen Hund, ein Mischling mit Schäferhund an. Ein Weibchen, die wir Alpha nannten. Das braucht man in Paraguay gegen die Langfinger. Die Hündin wollte mit dem Uli gleich spielen, den Uli störte das aber. Er hatte zwar gar keine Angst vor ihr, aber wenn sie grob ankam, dann fauchte er und wischte ihr auch manchmal eins. Das störte die Hündin überhaupt nicht. Sie machte immer so weiter und liebte ihren Uli, so wie sie uns auch alle liebte. Damit musste Uli leben.

Alpha entwickelte sich als sehr wachsam. Genauso wie der Uli, hatte sie Vorurteile gegenüber allen dunkelhäutigen Menschen. Auf die ging sie los. Dabei hat sie nicht so eine Vergangenheit wie der Uli gehabt. Irgendwie sind diese Vorurteile wie ein Instinkt. Dunkelhäutige Menschen gehen meist übel mit den Tieren um und lieben sie nicht. Das spüren die Tiere. Alpha hatte noch eine Gabe: Wenn ein Fremder deutsch mit ihr sprach, ging sie freudig auf ihn zu. Sprach er spanisch und war womöglich noch etwas dunkel, ging sie wild auf ihn los. Auch wenn sie niemanden gebissen hat, war es bedrohlich. Sie knurrte und fletschte mit den Zähnen. In Deutschland würde man sagen: „Das ist ein rassistischer Hund“ oder „Ein rassistischer Kater“.

Uli hatte auch einen Freund: Der Schorsch. Neben unserem Haus wohnte eine deutsche Lehrerfamilie aus Heidelberg, die fünf Hunde, große und kleine, und einen Kater, den Schorsch, hatte. Der war auch kastriert und auffällig zahm. Vermutlich hatte die Familie den Schorsch schon als kleines Kätzchen angenommen. Der Schorsch kam über die Mauer gerne auf unser Grundstück und den Uli und die Alpha störte das nicht. Schorsch hatte keine Angst und der Uli mochte ihn sogar sehr. Manchmal leckte er ihn auch ab. Alpha hatte grundsätzlich nichts gegen Katzen und Schorsch regte sich über ihr wildes Getobe gar nicht auf. Das war er wohl von zuhause mit seinen Hunden gewohnt. Verwunderlich ist dabei, dass Uli keine fremden Katzen in seinem Revier duldete. Nur den Schorsch und kleine, junge Kätzchen, wie ich zu einem späteren Zeitpunkt feststellte. Zu denen war er wie ein lieber Papa. Irgendwie war er schon sehr eigen.

Zwei Jahre lang wohnten wir in diesem Haus in Asunción. Danach zogen wir in ein anderes Haus um, das ca. 300 Meter entfernt lag. Der Uli war inzwischen so zahm, dass ich ihn einfach auf den Arm nahm und mit dem Auto ins neue Haus brachte. Dort ließ ich ihn ein Tag drinnen, damit er sich gewöhnt. Danach schien er mit dem Haus vertraut und ich ließ ihn in den Garten. Und nach ca. 3 Tagen war der Uli verschwunden und kam auch nicht zum Essen. Seitdem er kastriert war, hat er so etwas nämlich nicht mehr gemacht.

Zwei Tage später saßen wir abends im Garten und mein damaliger Mann und ich unterhielten uns, dass wir den Uli wohl verloren haben. Wir dachten, ihm ist etwas zugestoßen. Und siehe da, wir hörten plötzlich hinten im Garten von ganz weit her das dauerhafte Miaue vom Uli. Es kam immer näher und näher, d.h. das Miaue wurde immer lauter, bis es ganz laut wurde und der Uli plötzlich über die Nachbarsmauer in unseren Garten sprang und auf uns liebevoll mit einem „miau, miau“ begrüßte, um danach direkt mit einem „miau miau“ = Huuuuunger in die Küche zu laufen.

Wir haben nicht lange gerätselt, wo er die 2 Tage war und weshalb er über den Nachbarsgarten und die Nachbarsmauer kam und nicht durch den Straßeneingang, wo er nur durch ein Gitter hindurch schlüpfen musste: Der ist in das ehemalige Haus zurückgekehrt!  Es war ja nur 300 Meter entfernt. Er hatte dort immer gelebt und konnte sich ein anderes Haus nicht vorstellen. Im ehemaligen Haus hat er wohl lauter fremde dunkle Leute gesehen und hat sich wohl auf die Mauer oder das Dach gesetzt und auf uns gewartet. Als nach zwei Tagen keiner von uns kam, lief er zurück ins neue Haus, in der Hoffnung, uns noch zu finden. Dabei hat er wohl die kleine Straße verfehlt, die direkt an unserem neuen Haus vorbei ging, und hörte uns von der großen Straße, die zum hinteren Nachbarshaus führte, hinten im Garten reden. Da hat er sich wohl so sehr gefreut, dass er laut losrannte und miaute, bis er uns sah und sein Futter bekam. Er ging seitdem nie wieder weg und hielt sich nur im neuen Garten auf. Und danach gingen die richtigen Geschichten mit dem Kater Uli erst los!

Uli hatte eine eigenartige Gabe zu antworten, wenn man ihn ansprach. Er schien alles zu verstehen.

„Hallo Uli“ – Antwort: „miau“

„Wie geht es dir denn, Uli“ – Antwort: „miau“

„Willst du etwas essen, Uli“ – Antwort „miau“

Rief man ihn, kam er mit einem lauten „miau“.

Wenn man ihn ansprach, blieb die Antwort nie aus.

Genauso wie in dem ehemaligen Haus, hatten wir hier Löcher von Nagetieren im Garten. In einem Beet wuchsen die Pflanzen ganz schief hervor. Als ich sie gerade stellen wollte, stellte ich fest, dass das Beet komplett unterhöhlt war. Und gleich darauf legte sich der Kater Uli an das Beet. Stundenlang und tagelang. Bis er irgendwann dort nicht mehr lag. Dann hab ich die schiefen Pflanzen richtig ins Beet gepflanzt. Ich hab nichts gesehen und nichts gehört, aber es gab nie wieder Probleme mit Höhlen oder Löchern! Vermutlich hat die Anwesenheit einer dauerhaft sesshaften Katze alle Nagetiere vertrieben. Sie kamen von dem Müll, den die Nachbarn in ihre Gärten warfen. Nagetiere kennen keine Mauern oder Grenzen.

Wenn ich mal aus dem Haus gehen musste, setzte der Kater sich in den Vordergarten des Hauses. Dort sprang er auf einen Flammenbaum (s. hier: ), der dort wuchs, und wenn ich zurückkam, saß er dort noch immer. Er hatte auf mich gewartet und miaute freudig, als er mich sah.

Einmal saß Uli im vorderen Garten und schaute mir zu, wie ich im Garten gerade arbeitete. Da kam auf dem Gehweg ein dunkel aussehender Jugendlicher mit einem Seil (oder einer Peitsche) in der Hand und knallte damit wild herum. Und der Uli rannte panikartig davon in den hinteren Garten. Das war wie ein Trauma. Da wusste ich, was ihm wohl als junger Kater, als er noch streunte, passiert sein muss. Armer Uli.

Ich ging nicht oft mit Alpha spazieren. Der Garten war groß genug und auf der Straße gibt es in Paraguay viele streunende, kranke Hunde, die mit Vorliebe auf so einen „gutsituierten“ Hund mit einer ganzen Meute losgingen. Das ist Hundeneid. Aber manchmal ging ich doch mit ihr aus. Der Kater Uli beobachtete das mit Sorge und lief einfach mit. Während Alpha und ich über den Gehweg gingen, kletterte Uli über die Mauern der Häuser, damit ihn die Straßenhunde nicht fangen können. Dabei fauchte und miaute er besorgt die Hunde an und lief immer ein ganzes Stück mit. Leider war seine Sorge nicht so ganz unberechtigt. Ich frage mich nur, wie er sich seine Verteidigung vorgestellt hat.

Die dickste Geschichte will mir keiner so recht glauben: Uli verteidigte seinen Hund vor anderen Hunden! Schräg gegenüber unseres Hauses wohnte in einer Hütte eine große Hündin, etwas zottelig und lieblos behandelt. Die war schon immer eifersüchtig auf die Alpha, und knurrte immer böse, wenn sie sie sah. Als ich einmal vor der Haustür auf dem Gehweg war, ließ ich dort Alpha frei herumlaufen und diese Nachbarshündin stürzte sich aggressiv auf meine Hündin. Die Hunde kämpften mitten auf der Straße und waren letztendlich ineinander verbissen und ließen beide nicht los. Der Kater Uli beobachtete alles aus sicherer Entfernung im Vorgarten unseres Hauses und fauchte und miaute laut. Dann ging er auf die Straße und dreschte mit seinen dicken Tatzen auf die Hunde voll ein und fauchte dabei laut. Auf der Straße standen inzwischen mehrere Nachbarn und die konnten sich vor Lachen kaum halten. Ein Kater verteidigt da gerade seinen Hund! Ein Nachbar hatte schon einen Eimer mit Wasser auf alle drei entleert. Das half aber nichts. Jedes Tier bekam nur ein paar Tropfen ab und alle hatten ein dickes Fell. Irgendwann ließen die Hunde von allein los.  Es ging ja alles gut, aber der Uli hat sich maßlos überschätzt.  Die andere Hündin hätte nur zuschnappen müssen und der Uli hätte das wohl nicht überlebt. Ob die Alpha es zu schätzen wusste, dass der Kater für sie sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte?

Nach der Keilerei kamen beide ganz schnell wieder in den Garten. Drinnen bekam die Alpha noch einmal eine Ohrfeige von Uli, so als ob er sagen wollte: „Was lässt du Rotznase dich auch mit diesem Pöbel von der Straße ein! Da musste ich noch kommen und Euch auseinanderbringen! Und nass gemacht hat man mich dabei auch noch! Guck mal wie ich aussehe!“

Uli’s Geschichten hören nicht auf. Auch in der neuen Wohnung gab es massenweise herrenlose Katzen, die sich jedoch wegen Uli nicht trauten, auf unserem Dach zu lärmen und wegen der Alpha nicht trauten, unseren Garten zu betreten. Einmal, es war Winter, saßen wir alle am Kamin und guckten Fernsehen. Uli saß bei irgend jemandem auf dem Schoß und schlief. Und plötzlich hörte man auf dem Dach ein fürchterliches Katzengeschrei! Huch, schon wieder so ein Konzert! Der Uli wurde sofort hellwach und fauchte und miaute ein wenig. Das half natürlich nichts. Er sprang vom Schoß herunter und kletterte auf das Dach und dann hörte man ein „Piff“, „Paff“, „Puff“, „Paff“ und „miiiiiiiaaaauuu“ auf dem Dach. Der Uli war ja sehr viel größer als alle anderen und konnte mit seinen dicken Pfoten durchaus 2 oder 3 Stück von den schlecht ernährten Katzen besiegen. Dann hörte man ein leises Getrippel und Davonlaufen auf den Dachpfannen und ein „mmiiiiaaauuu“ der Verprügelten. Danach war es ruhig. Das dauerte keine Minute. Und dann kam der Uli wieder ins Wohnzimmer an den Kamin, setzte sich wieder auf einen Schoß, stöhnte einmal (das konnte er ganz prima, wenn ihm etwas zu viel war) und legte sich wieder schlafen. Auftrag erfüllt! Irgendwie erinnerte er mich an Bud Spencer. Der hatte auch einen dicken Bauch, einen Sinn für die Gerechtigkeit und ein paar kräftige Fäuste, mit denen man prima verprügeln konnte.

Einmal lag ein kleines weißes Kätzchen vor unserem Haus. Es war ca. 3 Wochen alt und ich nahm es auf. Es musste noch aus der Flasche trinken und ich wunderte mich, wie lieb und rührend meine zwei Haustiere mit diesem Katzenbaby umgingen. Uli lieh ihm sofort seine Katzenhütte und leckte es von oben bis unten ab, so dass das weiße Fell ganz weiß wurde, und Alpha setzte sich daneben. Das Kätzchen hatte keine Angst vor ihr. Es erholte sich mit der Zeit ein wenig und betrachtete Uli vermutlich als seine Mama, denn es suchte vergeblich nach der Brust. Alpha trug es gerne hin und her. Sie nahm den gesamten Katzenkopf in ihr Maul und trug es in den Garten. Der Kleine sagte gar nichts. Es gefiel ihm anscheinend. Leider war das Kätzchen nicht gesund, hatte Wachstumsstörungen und lebte nicht lange.

Wir haben insgesamt 4 Jahre in Paraguay gelebt und 4 Jahre hatten wir unseren Uli. Manchmal kommt alles anders als man denkt und ich kam mit den Kindern zurück nach Deutschland. Ich musste meine Haustiere schweren Herzens in Paraguay lassen und wunderte mich, wie schnell man mir die Tiere abnehmen wollte, weil sie für Paraguayische Verhältnisse sehr schön waren. Dass sie nur gut ernährt und behandelt wurden, verstanden Paraguayer nicht. Eine Nachbarin wollte schon die Alpha behalten. Mit paraguayischen Tierbesitzern bin ich aber sehr vorsichtig. So ein Tier kostet ja auch Geld und benötigt auch mal einen Tierarzt. Das ist bei Paraguayern unbekannt. Die Mennonitenkolonie in Paraguay wollte gerne den Uli haben, weil er schon kastriert war. Denen hätte ich ihn gerne auch gegeben. Der hätte das dort auf dem Land gut gehabt. Es fand sich aber eine noch optimalere Lösung. Ein deutscher Naturheilkundearzt war kürzlich nach Paraguay gezogen, um dort mit Heilpflanzen zu forschen, und hatte sich ein großes Anwesen mit einem riesigen Garten gekauft. Er suchte einen guten Mäusefänger und einen Wachhund und wollte beide gerne haben. Bei ihm brauchte ich die beiden nicht einmal trennen und sie hatten es gut in dem riesigen Garten, der fast so groß wie ein Häuserblock war.

Das war alles nicht leicht, vor allem für meine Kinder, die den Tieren noch lange nachtrauerten. Trotzdem ging es nicht anders und es gab noch Glück im Unglück. Bevor ich nach Deutschland abflog, besuchte ich Alpha und Uli im neuen Heim, wo sie seit 10 Tagen waren. Alpha freute sich riesig und schien sich sehr wohl zu fühlen. Den Uli, so erzählte mir die Frau, haben sie erst in einem Teil des Hauses einige Tage eingesperrt, damit er sich daran gewöhnt. Erst danach ließen sie ihn in den Garten und er machte auch keine Anzeichen, wieder zurücklaufen zu wollen. Er suchte sich einen Platz am Schwimmbecken, wo zur Dekoration mehrere Felsen lagen, und saß stundenlang auf den Felsen. Da gab es nämlich Mäuse. Die Frau erzählte mir, dass er oft nicht zum Essen kam und sich das Bäuchlein voll anfühlte. Als ich kam, saß Uli am Schwimmbecken auf den Felsen und wirkte unverändert. Meinen Besuch nahm er eher gleichgültig. Er fühlte sich dort anscheinend ganz wohl. Dort bedrängten ihn keine Kinder und er hatte seine Ruhe.

Ein halbes Jahr später reisten meine Kinder, die vorerst bei Oma in Argentinien blieben, nach und besuchten zum Abschluss nochmal Alpha und Uli in ihrem neuen Heim in Asunción. Alpha war inzwischen Mutter geworden und hatte sechs kleine Hündchen, die gerade ca. 1 Monat alt waren. Der neue Besitzer hing sehr an ihr und nahm sie im Auto überall mit. Und Uli saß immernoch auf den Felsen am Schwimmbecken und wirkte vollgefressen und zufrieden. Der Mann erzählte uns, dass jemand versucht hatte, von der Straße her über die Mauer zu springen und die Alpha hätte ihn dabei erwischt und ging auf ihn los. Flugs sprang der Eindringling wieder herunter und verschwand. Der hatte wohl mit einem Hund nicht gerechnet.

Ich hab danach von den beiden nichts mehr gehört. In der Zwischenzeit müssen sie schon beide vor langer Zeit verstorben sein.

Ich habe sehr viele Hunde und Katzen schon im Kindesalter gehabt. Alle waren sehr lieb und alle waren auch etwas anders. Aber so etwas Drolliges wie den Kater Uli habe ich nie erlebt. Man könnte sagen, er war ein „menschlicher, gerechter und einfühlsamer Kater“, selbst wenn er einmal ein herrenloser Streuner war. Ich meine auch, dass er überglücklich gewesen sein muss, als er bei uns ein neues Leben ohne Not und Gewalt beginnen konnte und uns dafür ganz besonders liebte und schützte.