Die Flüchtlinge aus den deutschen Ostprovinzen und der ehemaligen Tschechei

Dieses Verbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung übertrifft in meinen Augen an Schuld und Grausamkeit so ziemlich alle Flüchtlingsdramen, die es bisher gab. Diese Menschen wurden nämlich willkürlich schikaniert, gequält, vergewaltigt, verschleppt, angezündet, ermordet. Sie verhungerten, erfroren, wurden von russischen Panzern überrollt, gehenkt und grausam vertrieben und Zehntausende ertranken auf den Flüchtlingsschiffen in der Ostsee, weil sie von russischen U-Booten beschossen wurden. Es waren mehrere Millionen insgesamt. Keiner weiß, wieviele heute in den Ostprovinzen, die heute zu Polen und Russland gehören, oder in der Tschechei in Massengräbern liegen.

Als die Flüchtlinge im Westen ankamen, war es Winter. Ein sehr kalter Winter. Und sie waren obdachlos und es gab keine Lebensmittel. Es gab keinen Wohnraum, denn die Städte waren bombardiert. Schlösser, Ämter, Ställe, Ruinen dienten als Unterkunft, doch die meisten Flüchtlinge schliefen auf der Straße mitsamt ihren Kindern. Wen wundert es, dass sich viele selbst umbrachten. Und Babies hatten keine Chance zum Überleben. Hungernde Mütter hatten keine Milch mehr, und die Babies verhungerten und erfroren. Einige Flüchtlinge gingen sogar in ihre Heimat wieder zurück. Sie zogen es vor, dort zu sterben, und nicht auf einer Straße in Westdeutschland zu verrecken.

Hier mal ein link zu den Massakern von Tschechen an Deutsche:
http://www.youtube.com/watch?v=ZKh-pl9-95Q

Ein Massaker an Deutsche in Ostpreußen:
https://www.youtube.com/watch?v=GPrIVnoPrHw

Hier mal etwas über Schlesien:
https://www.youtube.com/watch?v=JjAIGCVPVPA

Oder man google mal nach „Internierungslager Laosdorf“

Und wer gerne liest, der möge sich doch das Buch von Heinz Schön „Flucht und Vertreibung“ besorgen.

Es war alles so traurig und so unmenschlich.

Derartige Horrorgeschichten gab es überall! An der Zivilbevölkerung aus dem Osten und an deutschen Soldaten, die die Front verteidigen mussten, die nicht zu verteidigen war. Mich wundert es immer wieder, dass sich Polen und Russen auf diesen deutschen Gebieten voll Massengräbern heute anscheinend sehr wohl fühlen. Diese Verbrechen wurden ja nie aufgearbeitet.

Mit dieser Aufgabe wurde für mich die Erdheilungsaufgabe schwieriger, denn ich kann diese Seelen nicht am Ort des Verbrechens besuchen. Es ist einfacher, sich ein Verbrechen am Ort des Geschehens vor Augen zu halten, als irgendwo anders. Ich habe auch lange nach einem Platz gesucht, wo ich ein Ritual für die Flüchtlingswesen, und zwar für alle deutschen Flüchtlinge zusammen (Ost- und Westpreußen, Hinterpommern, Schlesien, Ostbrandenburg, Posener Land, Sudetenland, Böhmen und Mähren), abhalten konnte, die so gnadenlos von Russen, Polen und Tschechen abgeschlachtet und vertrieben wurden.

An einem Novembertag in 2012 bei Vollmond ging ich in meinem Ort in den nächstgelegenen Wald und suchte dort einen Platz für ein Ritual zwischen den Bäumen aus. Es war regnerisch, aber mitten im Wald schützen die Bäume vor der Nässe und ich bekam nicht viel ab. Es war auch das erste Mal, dass ich keinen Sonnenschein oder zumindest schönes Wetter bei Ritualen erlebte. Dafür brannte aber die Kerze und ging, trotz den gelegentlichen Regentropfen unter den Bäumen, nicht aus. Ich hatte auch wieder einen ganzen Karton voll Tannenzweige, Lebensbäume, Tannenzapfen, Heidekraut, Silberraute, Beifuß und viele Kräuter, sowie viele Gingko-Blätter mit, um einen großen Kranz zu bilden. Auch 4 kleine Äpfel, die ich von der Streuobstwiese sammelte, hatte ich für den Kranz mit. Äpfel können sehr dekorativ sein.

Das gesamte Ritual begann schon mit Dingen, die nicht sein sollten: Es begann mit dem schlechten Wetter. Als ich auf dem Laub den Kranz bildete, trat ich in eine Delle, die ich unter den Herbstblättern nicht gesehen hatte, und stürzte erstmal der Nase lang während des Rituals hin. War aber nicht schlimm, denn das viele Laub war weich. Ich las also weiter meinen Aufruf und hörte hinter meinem Rücken immer wieder einige Laute, vermutlich von dem Regen, der auf das Laub tropfte, und den Vögeln, die im Laub scharrten. Mir war nicht so wohl dabei, denn ich hatte immer das Gefühl, hinter mir ist wer. Dann ist schon mal die Konzentration auf das Ritual schwächer.

Tatsächlich kam auch wer: Freudestrahlend lief ein hell-beige, großer Hund auf mich zu, als ich mitten in meiner Sache war. Er hätte mich am liebsten vor lauter Freude angesprungen, als ob er mich schon seit langem kennen würde. Ich unterbrach mein Ritual und streichelte ihn. Der war nass! Eigentlich freue ich mich immer, wenn Tiere so freudestahlend auf mich zukommen und mich begrüßen, aber dieses Mal passte es nun mal nicht. Außerdem war es außergewöhnlich, denn Tiere stören bei Ritualen nicht. Sie nehmen das wahr und respektieren es.

Der Hund beschnüffelte meinen Kranz und meine Kerze und fand die Äpfel im Kranz. Er stürzte sich auf sie und fraß sie mit Leidenschaft. Und schon kam die Hundebesitzerin zwischen Büschen und Bäumen hinterhergerannt und rief: „Ronja, Ronja…“. Ronja war aber mit dem Auffressen der Äpfel derartig beschäftigt, so dass sie nicht im Traum daran dachte, zu Frauchen zurückzukehren. Und nun stand Frauchen vor mir und guckte auf meinen Kranz und auf meine brennende Kerze mitten im Wald. Der Beifuß räucherte auch noch ein wenig. Frauchen entschuldigte sich, dass Ronja meine Äpfel aufgefressen hatte. Sie meinte, Ronja frißt lieber Äpfel als einen Knochen. Ich fand das nicht so schlimm und sagte wegen dem Kranz und der Kerze etwas verlegen und entschuldigend zu ihr so etwas wie: „Ich hab es mir hier gemütlich gemacht“. Ja, das sah sie auch, und wies mich darauf hin, dass ich die Kerze aber danach ausmachen muss. „Aber klar, ich nehme sie auch danach wieder mit“, erwiderte ich, immer noch etwas verlegen.

Ronja und Frauchen gingen wieder. Ronja war wohl nach vier Äpfeln satt und es gab auch nichts Essbares mehr bei mir zu finden. Keine Ahnung, was sich Frauchen dabei dachte. Ich setzte mein Ritual fort, aber es war alles nicht mehr das gleiche wie davor. Zuvor war es auch nicht optimal. Als ich zu Ende war, ging ich bei dem ungemütlichen Wetter wieder nach Hause und mir wurde dabei klar, dass ich hier nicht viel erreicht hatte. Irgend etwas stimmte nicht. Vielleicht der Ort? Der Tag? Der Vortrag?

Wenige Wochen später, es war Anfang Dezember 2012, habe ich dieses Ritual für die Flüchtlinge in einer vereinfachten Form nochmal abgehalten. Ich fand eine Gedenkstätte für die Vertriebenen auf einem Friedhof. Eigentlich hatte ich nicht vor, dafür auf einen Friedhof zu gehen, aber vielleicht war der Ort wirklich angebrachter als der Wald. Meine Blumen für den Kranz hatte ich leider im Wald gelassen und hatte zu dieser Jahreszeit keine mehr. Dafür fand ich aber noch 13 Tannenzapfen, mit denen ich an der Gedenkstätte mit 12 Stück davon einen Kreis bildete und die 13. in die Mitte stellte. Der Tag war eiskalt. Vermutlich so kalt wie der Winter 44/45, als die Flüchtlinge aus dem Osten auf die Flucht mussten. Dafür war aber schönes Wetter, die Sonne kam durch, der Himmel war ganz blau und gut eingepackt habe ich die zwei Stunden, die ich dort gestanden und vorgelesen habe, sehr gut durchgehalten. War gar nicht so schlimm. Danach war mir wohl und ich meine, dieses Ritual war erfolgreich. Aber so richtig zufrieden war ich nicht. Die Gedenkstätte war nämlich nicht so schön und voll mit Moos bewachsen. Ich hatte mir sie gepflegter vorgestellt.

Am 27.10.2015 fuhr ich in einer anderen Angelegenheit in den Hauptfriedhof nach Limburg. Dort steht das Denkmal für die Gefallenen von Stalingrad und ich wollte für diese armen Menschen ein Ritual abhalten.

Es war Herbst und es war sehr neblig. Es war schon drei Uhr am Nachmittag und der Nebel hatte sich noch nicht aufgelöst. Nach dem Ritual für Stalingrad (darüber berichte ich in dem Punkt „Meine Erlebnisse in der Stadt Limburg“) ging ich Richtung Ausgang durch den Friedhof und kam an einem kleinen Denkmal vorbei. Es war eine ca. 1 Meter hohe Mauer, auf der alle Wappen der verlorenen Ostprovinzen eingraviert waren. Vor der Mauer war eine kleine Stelle, auf der man Blumen legen konnte.

Endlich mal eine Gedenkstätte für deutsche Flüchtlinge! Und endlich mal eine gepflegte! Ich hatte den Aufruf aber nicht dabei. Ich war ja gar nicht darauf vorbereitet. Ganz seltsam war aber, dass ich von dem Ritual von Stalingrad noch Blumen übergelassen hatte. Normalerweise nehme ich keine Blumen mit nach Hause. Ich sah das aber wie eine Botschaft. Also machte ich das Ritual mit den restlichen Blumen und ohne vorbereiteten Aufruf. Ich sagte intuitiv nur so das was mir einfiel.

Ich stand so ca. 1 Meter vor der Mauer und legte meine Blumen an die dafür vorgesehene Stelle des Denkmals und als ich fertig war, sah ich, wie hinter der Mauer der Kopf eines Amselweibchens hervorschaute. Es guckte mich mit den braunen Kulleraugen an und sah irgendwie wie der Kasperle, der hinter der Bühne hervorschaut, aus. Das Tier muss unwahrscheinlich zahm gewesen sein, denn ich stand ja gleich davor. Plötzlich flog der Vogel ein Stück nach oben, kam hinter der Mauer hervor und setzte sich auf die Mauer, stieß einen Vogelschrei aus und flog gleich im Anschluss nach oben, in den Himmel oder auf die Bäume. Ich guckte der Amsel hinterher und guckte automatisch in den Himmel. Der Nebel war plötzlich weg und die Sonne schien wunderschön im blauen Himmel. Und das nachmittags um drei.

Es war mir klar, dass gleich nach dem Ritual das nur eine Botschaft sein konnte. Ich konnte mir aber keinen richtigen Reim daraus machen. Die Antwort brachte mir ein Bekannter, der eine Gänsehaut bekam, als ich ihm das erzählte. Er meinte, die Seelen der Flüchtlinge, die immer im Nebel waren, kamen aus dem Nebel heraus und flogen nach oben einfach weg, bzw. in den Himmel oder ins Licht.

So einfach kann das manchmal sein.

Anschließend der letzte Text, den ich für ein Ritual geschrieben hatte.

Aufruf für die Flüchtlinge aus dem Osten Ende 1944 und 1945 und später

Ich rufe alle erdgebundenen Wesen, die 1944 und 1945 und später aus den Ostprovinzen (Preußen, Memelland, Posen, Brandenburg, Pommern, Schlesien, Böhmen, Mähren, Sudetenland) flüchten mussten und alle Soldaten, die dort Deutschland verteidigten

Ich habe Euch nicht vergessen! Liebe Zivilisten, liebe Soldaten, Männer, Frauen, Kinder, Tiere. Ich habe Euch alle in Erinnerung und vergesse Euch nie. Ich möchte Euch heute sagen, dass ihr alle viele viel Wert seid. Jedes Wesen ist viel Wert.

In einem bitterkalten Winter musstet ihr gewaltsam Eure Häuser verlassen und mit Eurem letzten Hab und Gut in ein anderes Gebiet flüchten, das Euch vorerst keine Zukunft bot. Ihr ward dort obdachlos und ihr habt gehungert und gefroren. Ihr ward Opfer von unvorstellbarer Gewalt. Viele von Euch verloren ihr Leben und sehr viele Kinder, aber auch Erwachsene, haben die Flucht nicht überlebt.

Ich gedenke an all diejenigen, die verhungerten, erkrankten oder erfroren. Vor allem an die vielen Babies und Kleinkinder, die die Flucht nicht überlebten.

Ich gedenke aller Flüchtlingszüge. Ich gedenke aller Flüchtlingszüge, die von Russen überrollt wurden, die von Panzern niedergewalzt wurden, die zusammengeschossen wurden, die mit Benzin übergossen und einschl. Flüchtlinge und Pferde angezündet wurden, und an alle die von der Luft beschossen wurden.

Ich gedenke aller Menschen, die aus Kräftemangel nicht Schritt halten konnten und erschossen oder erschlagen wurden, oder einfach liegen blieben. Ich gedenke aller Tiere, die zurückbleiben mussten und ihrem Schicksal überlassen wurden. Ich gedenke aller Fremdarbeiter und Kriegsgefangene, die mit auf die Flucht mussten und sich in verschiedenen Gelegenheiten schützend vor die Bevölkerung stellten. Sie mussten in den Ostprovinzen auf dem Land arbeiten und hatten dort Menschlichkeit von der Bevölkerung erfahren. Ich gedenke auch der polnischen Bevölkerung in den Ostprovinzen. Auch sie wurden vertrieben.

Ich gedenke an die Opfer, die in ihren Häusern zurückblieben und nicht flüchteten, die bei Einnahme ihrer Ortschaft ein unglaubliches Maß an Gewalt erlebten.

Ich gedenke an die vielen Männer, Frauen und Jugendliche, die von Russen in Arbeitslager verschleppt wurden, an Mütter, die hierfür von ihren Kindern getrennt wurden und teilweise noch stillten, und die danach teilweise nicht wieder zurückkamen, an diejenigen, die den Transport nicht überlebten, an diejenigen, die immer wieder vergewaltigt wurden, an die fürchterlichen Zustände in den Arbeitslagern.

Ich gedenke an die vielen Verhörten, die in den Folterkellern des russischen Innenministeriums unter unmenschlicher Tortur starben.

Ich gedenke an das Massaker von Nemmersdorf vom 20.10.1944, der Tag, an dem ein ganzes Dorf von russischen Soldaten grausamst und rücksichtslos verstümmelt, vergewaltigt, gekreuzigt, erschlagen bzw. erschossen wurde: Babies, Kinder, Frauen, alte Menschen.

Ich gedenke auch an weitere, ähnlich grausame Verbrechen durch russische Soldaten im Memelland und in den Nachbarorten von Nemmersdorf Bahnfelde, Alt Wusterwitz, Hasenrode, Teichhof, Brauersdorf, Goldap, Gumbinnen und anderen. Ich gedenke auch an die Einwohner von Ortschaften, in denen gleiches passierte, und von denen wir nichts erfuhren, weil der Ort nicht zurückerobert wurde und es keine Zeugen gab.

Ich gedenke an die in etwa 4000 Opfer im Kriegslazarett beim Einmarsch der Russen in den Vorort Kortau bei Allenstein in der Nacht vom 21. auf 22.1.1945. Viele Flüchtlinge hatten sich darin versteckt. Alle wurden grausam ermordet.

Ich gedenke an das Massaker von Metgethen bei Königsberg im Februar 1945, wo auf gleiche Weise wie in Nemmersdorf insgesamt etwa 3000 Menschen, vor allem ukrainische Fremdarbeiter, die dort auf dem Land arbeiteten, von russischen Soldaten grausamst ermordet wurden.

Ich gedenke der unzähligen deutschen Männer, Frauen und Kinder, Soldaten, Fremdarbeiter, Kriegsgefangene und Tiere, die zum Teil in verstümmeltem Zustand, mit durchschnittenen Hälsen, abgeschnittenen Zungen, aufgeschlitzten Bäuchen am Straßenrand lagen und in irgend welchen Massengräbern verscharrt wurden und nie gefunden wurden.

Ich gedenke an die unbekannte Opferzahl von der eingeschlossenen Stadt Königsberg, die über das zugefrorene Haff flüchten mussten und von der Luft beschossen wurden, oder die samt Pferde und Wagen teilweise im Eis einbrachen und erfroren.

Ich gedenke Opfer der Schiffe „Wilhelm Gustloff“, „Goya“, „Steuben“,. „Karlsruhe“, „Moreo“, „Nordstern“, „Bremerhaven“ „Füsilier“ „Memel, „Eifel“, „Göttingen“, „Robert Möhring“, „Bille“, „Weser“, „Vale“, „Neuwerk“, „Moltkefels“, „Posen“, „Cap Guir“, „Musketier“, „Andros“ und aller weiteren nicht genannten versenkten Schiffe, die mit Flüchtlingen, Verwundeten und Wehrmachtsangehörigen an Bord versenkt wurden. Der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ mit 11.500 Menschen an Bord, von denen nur ca. 1000 gerettet werden konnten, stellt jede andere Schiffskatastrophe in den Schatten.

Ich gedenke an die vielen Zivilisten und Soldaten, die in März 1945 in Danzig, Gotenhafen, Zoppot, Pillau und Hela auf die Schiffe zur Evakuierung warteten und nicht mehr eingeschifft werden konnten, die bei weitem nicht richtig versorgt werden konnten, wochenlang schwere Luftangriffe erlebten, die schreckensvolle Szenen beim Eindringen der sowjetischen Truppen erleben mussten und von denen sehr viele vergewaltigt bzw. verschleppt wurden.

Ich gedenke aller Toten durch Seuchen.

Ich gedenke an die ca. 250.000 Flüchtlinge, die mit den Schiffen in dem damals von Deutschland besetzten Dänemark eintrafen, die nach Abzug deutscher Truppen von Dänen ohne ärztliche Versorgung und mit unzureichenden Essensrationen gelassen wurden und an Ruhr und anderen Krankheiten erkrankten und starben. Schon allein in 1945 starben etwa 11.000 – vor allem die Kinder und Säuglinge – an Unterernährung und Krankheiten, und danach noch viele mehr.

Ich gedenke an die in etwa 90 – 120.000 Zivilopfer von Königsberg, meist alte Leute, Frauen und Kinder, die nicht flüchten konnten und während der Belagerung der Stadt und auch nach dem Krieg und Ende der Kampfhandlungen hilflos zwischen den zerstörten Häusern umherwanderten, vergewaltigt wurden, teilweise verhungerten oder an Seuchen starben. Ich gedenke auch an die vielen deutschen Soldaten, die die Stadt nicht verteidigen konnten, die dort eingeschlossen waren und alle umkamen.

Ich gedenke der Wolfskinder, die als Waisen in Ostpreußen zurückblieben, die teilweise mangels Versorgung starben oder die für ihr Überleben ohne Behausung und Verpflegung sich in der Wildnis durchschlagen mussten, die ohne Bildung blieben und letztendlich auch die deutsche Sprache verlernten.

Ich gedenke an die unbekannten deutschen Opfer, die in einem Massengrab mit über 2000 Toten – überwiegend Kinder und Babies – am 28.8.2008 und in der Zeit danach bei Bauarbeiten in Marienburg gefunden wurden. Ich gedenke auch an die Opfer, die noch nicht gefunden wurden.

Ich gedenke aller Flüchtlinge, denen die Flucht gelang und die Opfer von der Städtebombardierung wurden. Ich gedenke der etwa 600.000 Flüchtlinge, die über die Oder kamen und in Städten wie Dresden durch amerikanische und englische Bomben ums Leben kamen.

Ich gedenke aller ca. 2000 Opfer der hysterischen, verzweifelten Selbsttötungen von Flüchtlingsfrauen und anderen Frauen und die mit in den Tod genommenen Kinder bei Einmarsch der Russen in Demmin und Nossendorf in Mai 1945. Russen nahmen sich mit Gewalt Frauen, raubten, was sie tragen konnten, betranken sich und steckten Häuser an. Der Ort verwandelte sich binnen Stunden in eine rauchende Ruinenlandschaft.

Ich gedenke aller Opfer des Dorfes Wildenhagen östlich von Frankfurt/Oder, wo sich ein gutes Viertel der Bevölkerung das Leben nahm, als die Russen 1945 heranrückten. Mütter und Großmütter nahmen in der Verzweiflung alles was greifbar war, erhängten sich an Schnüren, griffen zum Beil oder schnitten sich die Pulsadern auf und töteten ihre Kinder, ihre Enkel und sich selbst. Alle Opfer von nahegelegenen Ortschaften, wo ähnliches passierte, so u.a. eine Menschenmenge gemeinsam in ein Gaswerk ging und den Hahn aufdrehte.

Ich gedenke aller Orte, in denen weitere hysterische, verzweifelte Selbsttötungen von Flüchtlingsfamilien geschahen, von denen wir nichts wissen.

Ich gedenke an die tausenden von Überlebenden, die Ende Juni/Anfang Juli 1945 wieder in ihre Heimat zurückkehren wollten, den Weg über die Oder und Neiße gesperrt fanden, während gleichzeitig Tausende, von Polen vertriebene Schlesier über die Oder und Neiße nach Westen kamen. Ich gedenke der vielen Rückwanderer, die sich durch diese aussichtslose Situation in Görlitz und Umgebung das Leben nahmen. Ich gedenke an die etwa 400.000 Rückwanderer, denen die Rückkehr über die Oder-Neiße gelang, und der etwa 800.000 Schlesier, die über die Tschechoslowakei geflüchtet waren und von dort wieder zurückkehrten, die durch trostlose, ausgeplünderte, zerstörte Landschaften gehen mussten, wo noch die vielen Leichen von deutschen Soldaten und Zivilisten verwest auf den Feldern und am Straßenrand lagen, der Hunger und der Durst neue Opfer forderte, die Menschen in vielen Fällen zur Zwangsarbeit rekrutiert wurden und denen keiner helfen konnte.

Ich gedenke aller Flüchtlinge, die bis Juli 1945 in ihre alte Heimat zurückkehrten, weil sie die Härten des verlorenen Krieges lieber in der Heimat durchstehen wollten, und ein weiteres Mal vertrieben wurden.

Ich gedenke an die vielen, vielen deutschen Soldaten, die bei der Verteidigung der Ostprovinzen umkamen. An die etwa 40.000 von 200.000 Menschen, die bei der Belagerung der Stadt Breslau von Mitte Januar bis zum 7. Mai 1945 vor allem durch Luftangriffe und Kampfhandlungen ums Leben kamen. An die Toten bei der Verteidigung anderer deutscher Städte wie Kolberg, Posen, uvm, die heute in vergessenen Massengräbern verscharrt liegen.

Ich gedenke der mehr als 10.000 Opfer von Polen in der Gegend Oppeln und Gottesdorf und anderen schlesischen Orten, die im Januar 1945 von Russen vergewaltigt und erschossen vorgefunden wurden. An erdrosselte Kinder, Frauen und Greise, die in allen Häusern lagen, an Perverses, das ich gar nicht beschreiben mag, an die erhängten Volkssturmmänner, an die Plünderung und das Anzünden mehrerer Ortschaften, an das Zusammenschießen ganzer Familien und Menschengruppen, an die Erschießung und Verwundung vieler amerikanischer Soldaten aus dem Stalag Alt Drewitz durch Russen, an die Erschießung und Plünderung deutscher Soldaten, Bürgermeister, Postbeamte, die Ausraubung und anschließende Erschießung der Einwohner und viele andere Gewaltverbrechen.

Ich gedenke der etwa 6.100 Opfer von etwa 8.100 Schlesiern des Internierungslagers Lamsdorf bei Oppeln während der Jahre 1945 – 1946, wo verschleppte Deutsche jeden Alters nach Kriegsende gefoltert, schikaniert und grundlos getötet wurden, zur Arbeit gezwungen wurden und teilweise verhungerten. Ich gedenke der Männer, der Frauen, der Kranken und der Sanitäter, die bei einem Brand in einer Baracke in die Feuerglut getrieben wurden oder aber erschossen wurden und die teilweise noch lebend in einer Grube vergraben wurden. Ich gedenke aller weiteren unglaublichen Gräueltaten

Ich gedenke der etwa 3.000.000 Sudetendeutschen in Tschechien, die ab dem 8. Mai 1945 „vogelfrei“ waren und dem tschechischem Hass und Mordlust schutzlos ausgeliefert waren. Ich gedenke der Vertriebenen und der etwa 250.000 Todesopfer durch Flucht und Vertreibung. Ich gedenke der deutschen Einwohner, die aus ihren Häusern herausgetrieben und von Tschechen mit Schusswaffen, Messern und Beilen gequält, abgeschlachtet und ermordet wurden, die sich einer perversen Behandlung unterziehen mussten, die öffentlich vergewaltigt wurden. Ich gedenke an die Opfer der Erschießung von Kranken, Verletzten und Gebrechlichen auf offener Straße, an die Menschen, die in Gefängnisse und Keller gezerrt wurden und meist nicht mehr lebend herauskamen, an die Enteignungen und Plünderungen, für die von Tschechien nie eine Entschädigung gezahlt wurde.

Ich gedenke an die Deutschen, die in tschechische Arbeitslager gejagt wurden oder für die Gefangenschaft an Russen übergeben wurden. Ich gedenke der etwa 24.000 bis 40.000 Todesopfer von etwa 350.000 Deutschen, die schon vor der Vertreibung in Lagern, Arbeitslagern und Spezialgefängnissen untergebracht wurden, wo Gewalt auch gegen Greise, Kinder und Säuglinge angewandt wurde, Hunger und unzureichende hygienische Verhältnisse herrschten und keine medizinische Versorgung vorhanden war. Ich gedenke der etwa 100.000 Opfer, die während und nach der Vertreibung in zahlreichen tschechischen Arbeitslagern bis 1955 verstorben oder verschollen sind, die schon davor geplündert und schikaniert wurden, die bis zu 18,5 Stunden täglich in den Fabriken arbeiten mussten, während der Arbeit gejagt und geschlagen wurden, zu wenig zu essen bekamen und von der Tschechei dafür nie entlohnt wurden.

Ich gedenke der etwa 30.000 verwundeten Wehrmachtsangehörigen und weiteren Soldaten, die zu Kriegsende an Bäumen und Laternen der tschechischen Städte von Tschechen aufgehängt wurden.

Ich gedenke der Mädchen und Jungens ab 14 Jahren, die in Eger zur Zwangsarbeit eingezogen wurden, unterernährt gefährliche Arbeiten verrichten mussten und von ärztlicher Versorgung ausgeschlossen wurden.

Ich gedenke der über 10.000 Opfer des Brünner Todesmarsches, der am 30.5.1945 in Brünn mit 25.000 – 30.000 Menschen begann und aus Frauen, Kindern und Männern über 60 Jahren bestand, denen sämtliche Wertgegenstände abgenommen wurden, die unter ständigen Misshandlungen, ohne Nahrung und Wasser, an die 54 km entfernte österreichische Grenze getrieben wurden. Ich gedenke an die Erschlagenen oder Erschossenen, die am Straßenrand in Erdlöchern verscharrt wurden. Ich gedenke an die Demütigungen und sexuellen Belästigungen während des Marsches in Raigern. Ich gedenke an die Vergewaltigungen von jungen Frauen, Mädchen und Kindern während der Nacht im Freien vor Pohrlitz. Ich gedenke der etwa 900 Menschen, die durch das Trinken von verunreinigtem Wasser an Ruhr und Typhus erkrankten und in Pohrlitz in einem Massengrab verscharrt wurden. Ich gedenke der Opfer, die in Südmähren für das Helfen bei der Ernte aussortiert wurden und nicht weiter über die Grenze durften. Ich gedenke an die 85 Opfer, die in Südmähren umkamen. Ich gedenke der Opfer, die durch die Erschöpfung in Österreich auf dem Weg nach Wien umkamen und unterwegs beerdigt wurden.

Ich gedenke an die unbekannte Opferzahl von insgesamt 5000 deutschen Männern zwischen 13 und 65 Jahren, einschl. Kranke und Behinderte, die ab 3.6.1945 durch Schüsse und sonstiger Gewalt in Saaz auf dem Markplatz gesammelt wurden und in das 15 km entfernte Postelberg gejagt wurden. Ich gedenke an die erschossenen Nachzügler sowie an Männer, die sich vor dem Antritt das Leben nahmen. Ich gedenke der Opfer, die in Postelberg verwundet oder erschossen wurden, als sie ihren Platz verlassen wollten, um ihre Notdurft zu verrichten. Ich gedenke der Toten und Verletzten, die von ihren Kameraden unter Androhung von Gewalt in die Latrinen geworfen werden mussten. Ich gedenke der Erschießungen von vielen dieser Männer in der Nacht vom 5. Juni 1945. Ich gedenke an 5 Jugendliche, die am 5. Juni vor allen Augen schwer geschlagen und erschossen wurden. Ich gedenke an die Gruppen, die täglich erschossen wurden. Ich gedenke an die etwa 1000 Männer, die in KZs oder in Zwangsarbeiterlager untergebracht wurden.

Ich gedenke der etwa 8000 deutscher Männer im Alter von 13 bis 65 Jahren, die vom 9.6.1945 bis zum 12.6.1945 auf den Komotauer Todesmarsch geschickt wurden, der in Maltheurn endete, wo sie in einem tschechoslowakischen Arbeitslager untergebracht wurden. Ich gedenke der Männer, die aussortiert wurden und vor den Augen der anderen zu Tode gefoltert und geprügelt wurden. Ich gedenke der Männer, die erschossen wurden, weil sie nicht mehr weiter konnten. Ich gedenke an die Männer, die bei der Schießerei in Görkau ums Leben kamen.

Ich gedenke an die unbekannte Opferzahl des Massakers von Aussig am 31.7.1945, in dem deutsche Arbeiter von Tschechen von der 13 m hohen Elbbrücke geworfen wurden und – sobald sie im Wasser auftauchten – auf sie geschossen wurde. Ich gedenke auch der Frauen, die einschl. Kind und Kinderwagen über das Brückengeländer geworfen wurden. Ich gedenke auch der Opfer, die in Aussig aus den Häusern getrieben wurden und am Elbstrand erschlagen oder erschossen wurden. Die überall am Strand – teilweise noch in Pirna und Dresden – tot angespült wurden. Ich gedenke der deutschen Opfer, die aus tschechischen Arbeitslagern geholt wurden, um etwa 2000 Tote dieses Massakers auf Autos zu laden und zum Kremation nach Theresienstadt zu fahren, und die von dort ebenfalls nicht mehr zurückkamen.

Ich gedenke der etwa 1000 Opfer des Landskroner Blutgerichtes vom 17.5. – 21.5.1945, wo alle Männer, auch Gebrechliche und Kranke, aber auch einige Frauen und Kinder aus dem Ort und aus der Umgebung, mit Gewalt von tschechischen Einwohnern auf dem Stadtplatz zusammengetrieben wurden, schwer schikaniert, gedemütigt und getötet wurden. Ich gedenke der Opfer, die in den Luftschutzwasserbehälter vor dem Rathaus geworfen wurden, am Auftauchen gehindert wurden und hineingeschossen wurde. An die Männer, die mit einer Feuerspritze angestrahlt wurden, an Spießrutenlaufen und weitere fürchterliche Misshandlungen und Demütigungen. An die Menschen, die bis zur Unkenntlichkeit geschlagen, erschossen oder gehängt oder mit Stöcken aufgespießt wurden und am 19.5.1945 in einem Massengrab verscharrt wurden. Ich gedenke der Menschen, die durch dieses Blutgericht „zum Tode verurteilt“ und gehängt wurden. Ich gedenke der noch Arbeitsfähigen dieses Massakers, die an die Russen für die Gefangenschaft übergeben wurden. Ich gedenke auch an die Selbstmorde von mehreren 100 Menschen, darunter gesamte Familien. Ich gedenke auch an weitere „Blutgerichte“, die in ähnlicher Form in vielen anderen Städten in Tschechien stattgefunden haben.

Ich gedenke der etwa 275 Opfer des Massenmordes an Karpatendeutschen in Prerau am 18.6.1945, die Insassen eines Zuges mit Männern, Frauen, Kindern und Babies waren, in Prerau auf eine kleine Anhöhe der Stadt marschieren mussten, dort einzeln erschossen wurden und in ein Massengrab geworfen wurden.

Ich gedenke auch an die vielen Selbstmorde unter den Soldaten, die der Qual, der Folter, dem Leid, der Angst vor russischer Kriegsgefangenschaft uvm nicht standhielten und ihrem Leben selbst ein Ende setzten. Auch sie sind Opfer der Gräueltaten. Ich danke allen Soldaten, die der Bevölkerung hilfsbereit unter die Arme griffen oder sich für die Bevölkerung opferten.

Ich gedenke an alle weiteren Zivilopfer und Soldaten, die in Massengräbern verscharrt wurden und nie gefunden wurden.

Ich gedenke aller Flüchtlinge, die noch nach dem Krieg bis 1950 kamen. Sie hatten Fürchterliches erlebt.

Liebe Wesen, die Opfer von Flucht und Vertreibung Euch blieb in dieser großen Not nicht einmal Zeit zum Trauern. Ihr ward die Ärmsten der Ärmsten in diesem Krieg. Keiner verlor so viel wie Ihr. Es geschah so viel Leid, dass ich für diese Erinnerung nur einige Geschehen herausgreifen konnte. Es geschahen mit Sicherheit auch noch viel mehr Gräueltaten, von denen wir heute nichts wissen. Ich gedenke an Euch alle, an jeden Flüchtlingszug, an jedes Massaker, an jede Vergewaltigung, Verschleppung, Ermordung, Verwundung, Schiffskatastrophe, an jedes Ertrinken, Einbrechen in das Eis, an jeden Selbstmord, an jeden Tod durch Erschöpfung, an jeden Tod durch Hunger oder Kälte, an jede Bombardierung, an jede Demütigung, an jede Willkür, an jede Folter, an jedes Opfer, das nie gefunden wurde oder einfach liegenblieb, an jedes Dorf, an jede Ortschaft, an jede Stadt, auch wenn ich sie nicht namentlich genannt habe. Ich schließe alle, auch Fremdarbeiter, Kriegsgefangene, Häftlinge und Tiere ein, die Opfer dieses Verbrechens waren. Jede Seele ist sehr viel wert! Ihr seid alle sehr viel Wert!

Heute möchte ich Euch bitten, alles loszulassen was Euch aus dieser Zeit noch belastet. Eure Angst vor Grausamkeiten, vor Vergewaltigung, vor Tod, Eure Sorge um Angehörige, Hunger, Kälte, Schmerz, Demütigung, Rachegefühle, Ärger, Hass. Es sind 70 Jahre vergangen seit dieser Zeit. Ihr braucht euch damit nicht mehr zu belasten. Es ist vorbei. Schüttelt alles einfach ab in die Erde, auch wenn es bis zum heutigen Tag nicht richtig aufgearbeitet wurde.

Vergebet auch den damaligen Zeitgenossen im Westen, die Eure grauenvollen Erlebnisse nicht verstanden, die Flüchtlinge nur widerwillig aufnahmen, nicht bereit waren, ihr knappes Hab und Gut mit Euch zu teilen und Euch herablassend behandelten. Vergebet auch vielen unserer heutigen Menschen, die grauenvolle Verbrechen an Deutsche verharmlosen, leugnen, aufrechnen und sogar als „rechtens“ betrachten, weil Euer Land als „Kriegsbeute“ abgegeben werden musste.

Einen wunderschönen Aufstieg wünsche ich Euch, liebe Seelen! Und habt bitte keine Angst vor Gott, denn er straft nicht.

Flamme, Flamme, Flamme, des violetten Feuers, transformiere ALLE Opferwesen der Massaker, Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostprovinzen, die noch auf Erden weilen und gehen möchten, und alle Schatten in Licht, Licht, Licht.

So sei es.